Pflanzenschnitzel, Proteste & Politik

Text: Sandra Weber, Bild: SUPERPENG, Illustration: Esther Perrig

Tobias Sennhauser (32) ist Präsident der Tierrechtsorganisation „Tier im Fokus“ (TIF). Die Organisation hat ihren Sitz in Bern, verfügt aber auch über einen Ableger in Zürich. TIF fiel uns durch ihre kreativen Aktionen auf sowie – im Gegensatz zu anderen Organisationen – durch ihre explizite Förderung einer veganen Ernährung.

Tobias, welche Ziele verfolgt TIF?

Als Tierrechtsorganisation fordern wir ein Recht auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit für alle empfindungsfähigen Lebewesen. Im Zentrum unserer Arbeit stehen die sogenannten Nutztiere in der Schweiz. Um unser Ziel zu erreichen, informieren wir die Bevölkerung über die Missstände in der Tierhaltung, nehmen Einfluss auf die Politik und fördern die vegane Lebensweise. Daneben unterstützen wir Lebenshöfe, auf denen ehemalige Nutztiere leben dürfen, ohne dem Menschen nützen zu müssen.

Welches sind deine Aufgaben bei TIF?

Ich trat TIF kurz nach der Gründung im Jahr 2010 als Aktiv-Mitglied bei. Fortan protestierte ich auf der Strasse oder brutzelte an den veganen Parties pflanzliche Schnitzel. Vor allem aber schrieb ich kritische Texte zur Nutztierhaltung. Ich wollte es genau wissen, wie Nutztiere gehalten werden. Das half mir später, als ich zuerst Mediensprecher und dann Präsident von TIF wurde.

Wie definierst du den Unterschied zwischen Tierschutz und Tierrechten?

In der Schweiz gibt es einen ethischen Tierschutz, demzufolge man Tiere um ihrer selbst willen schützen soll. Ein Produkt davon ist die Tierwürde, die im Tierschutzgesetz als Eigenwert des Tieres definiert ist. Das klingt vorbildlich, nützt den Tieren jedoch wenig. Denn gleichzeitig erlaubt unser Tierschutzgesetz, Tiere als Eigentum wie eine Ware zu behandeln. Es regiert der Profit und das Tierwohl bleibt auf der Strecke. Wir sind der Meinung, dass ein Paradigmenwechsel nötig ist. Deshalb kämpfen wir für Tierrechte. Erst wenn Tiere Grundrechte haben, werden sie wirklich geschützt. Wenn Schweine, Rinder und Hühner ein Recht auf Leben hätten, müssten die Schlachthäuser dicht machen.

Ihr macht auch Recherchen wie den Schweine-Report. Worum geht es dabei?

2014 wurden uns umfangreiche Film- und Fotoaufnahmen aus zehn Schweizer Schweinebetrieben zur Verfügung gestellt. Die Aufnahmen schockierten: viele Schweine waren krank oder verletzt, manche gar tot. Andere lagen kotverschmiert in engen Betonbuchten, die so gar nichts mit den hübschen Werbebotschaften zu tun haben. Und das Schlimmste daran: bis auf ein paar Details war das alles völlig tierschutzkonform. Um die Bevölkerung über die wahren Zustände in der Schweizer Fleischproduktion zu informieren, haben wir die Aufklärungskampagne „Schweine-Report“ lanciert. Damit erreichten wir zahlreiche Medienberichte und im Parlament wurden einige politische Vorstösse eingereicht.

Lebst du selber vegan?

Ja, ich lebe seit rund 8 Jahren vegan. Damals reiste ich gerade durch Osteuropa, wo ich einen Amerikaner kennenlernte, der vegan lebte. Dieser meinte, dass wir Fleisch, Milch und Eier bloss deshalb konsumieren, weil es lecker und „normal“ sei. Geschmack und Gewohnheit seien jedoch schlechte Argumente, um das Töten von Tieren zu rechtfertigen. Seine Worte liessen mich nicht mehr los. Ich begann zu recherchieren, wie Tiere in der Schweiz gehalten werden. Rasch stellte ich fest, dass Schweine, Rinder und Hühner als schiere Ressourcen gelten. Einen derart instrumentellen Umgang mit Tieren wollte ich nicht unterstützen. So entschloss ich mich, meine Nachfrage einzustellen und vegan zu werden. Nach ungefähr einem Jahr wollte ich mehr und begann mich schliesslich bei TIF zu engagieren.

Für eure Arbeit braucht ihr viele Freiwillige. Wie kann man sich bei euch engagieren?

Den Einstieg macht man am besten über unsere monatlichen Aktiv-Treffen in Bern oder Zürich. Dort tauschen wir uns über aktuelle Projekte aus. Diese verfolgen wir in drei Arbeitsgruppen: Aktivismus, Recherche und Vegan. Die AG Aktivismus organisiert etwa Demonstrationen wie jene für die „Schliessung aller Schlachthäuser“ sowie Vorträge und Filmabende. Die AG Recherche schreibt Reportagen, Interviews und Buchrezensionen. Und die AG Vegan fördert die pflanzliche Ernährung, entwickelt neue Rezepte oder organisiert vegane Parties. Und überall gilt: Für neue Ideen ist immer Platz.

Dein Schlusswort in diesem Interview? 

Es ist unglaublich wichtig, dass sich mehr Leute vegan ernähren. Doch es braucht auch Leute, die den Veganismus als politisches Statement in die Gesellschaft tragen. Je mehr Leute dies tun, desto mehr können wir für die Tiere tun.

www.tier-im-fokus.ch / www.schweinereport.ch

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Von glücklich keine Rede: Schweine in Schweizer Ställen werden als schiere Ressourcen gesehen. Infos unter www.schweine-report.ch.