Lust auf Zero Waste

Text: Sandra Weber, Illustration: Carolina Flores / 10.07.17

Adieu Abfall! Dem Müllberg mit Neugier und Kreativität ein freches Schnippchen schlagen und, angefangen im eigenen Haushalt, Freude an einem bewussteren, einfacheren Konsum finden. Zero Waste macht das Leben schöner, sauberer und leichter!

Bevor ich einkaufen gehe, schreibe ich meinen Einkaufszettel. Das ist an und für sich nichts besonderes, viele Leute tun dies ebenso. Doch seit einigen Monaten kommt bei mir noch ein Schritt hinzu. Ich weise jedem Produkt auf meinem Zettel ein Behältnis zu: eine Tupperware-Box, ein Vorratsglas, eine Blechdose oder einen Stoffbeutel. Alle diese Behältnisse – plus zwei weitere für Spontanes – packe ich in einen grossen Rucksack oder in mein Transportrad.

Quizfrage: Wie erkennt man eine Person, die den Zero Waste Lifestyle pflegt (oder auf dem Weg dazu ist, so wie ich)? Richtig; sie ist schon vor dem Einkauf vollgepackt! Das ist jedoch gar nicht so schlecht, so kennt man bereits das ungefähre Volumen des Einkaufs. Was noch dazu kommt, ist natürlich das Gewicht, nachdem alle Behältnisse gefüllt worden sind. Dieses variiert je nach dem, ob man eher auf Stoffbeutel setzt und deren Inhalte zu Hause in feste Behälter umfüllt, oder ob man gleich die Glasbehälter mitschleppt, so wie ich. Ich trage lieber schwerer, dafür muss ich zu Hause nicht mehr viel umfüllen.

Dann geht’s auf zu „Chez Mamie”. Chez Mamie ist ein Unverpackt-Laden und führt bereits acht Läden in der französischen Schweiz. Mit der Filiale in Zürich wurde nun im Franchisesystem der erste Laden in der Deutschschweiz eröffnet, und dies auch gleich noch in meinem Quartier in Zürich. Was für ein Glück – und ich habe keine Ausreden mehr! Fast alles in dem Laden ist zudem vegan.

Das macht Sinn, da ein Unverpackt-Laden ja zu einem grossen Teil unverarbeitete oder nur leicht verarbeitete Produkte führt, wie z.B. Reis, Haferflocken, Pasta, Kichererbsen, Linsen, Hirse, Nüsse, Gewürze, Öl, Essig sowie auch Non Food-Produkte für die Körperpflege oder den Haushalt. Sogar der vegane Cashew-Käse von „Gourvegi” ist bei Chez Mamie sowie einigen anderen Unverpackt-Läden in der Schweiz im Angebot. Offen, unter einer Käseglocke, sodass man sich den tierfreundlichen Genuss einfach ins Tupperware packen kann.

Yeah, wie cool ist das denn? Zudem kommen so auch Leute, die (noch) nicht vegan leben, mit diesem leckeren Produkt in Kontakt, was ich einfach toll finde.

Bei meinem letzten Chez Mamie-Einkauf hielt ich nach verpackungsfreier Zahnpasta Ausschau und wurde fündig bei der Marke „Pachamama“. In ein kleines Blechdöschen verpackt, wird die feste Zahnpasta mit ein bisschen Wasser löslich, und man entnimmt dem Döschen einfach die gewünschte Menge. Ist alles aufgebraucht, kann der Inhalt lose nachgekauft und das Döschen wieder aufgefüllt werden.

Das Putzerlebnis ist wegen fehlenden Schäumens nicht ganz so toll wie mit einer herkömmlichen Zahnpasta. Aber das Resultat ist in Ordnung, der frische Geschmack auch. Mit ein paar solch kleinen Abstrichen kann ich daher gut leben.

Feste Seifen sind neu ebenfalls ein fixer Bestandteil meiner täglichen Pflege: eine für die Hände, die ich auch fürs Gesichtwaschen benutze, und eine Haarseife, welche auch als Duschmittel zum Einsatz kommt. Das ist etwas, was mir sehr gefällt am Zero Waste (auch wenn ich noch lange nicht bei Zero angelangt bin): die Einfachheit, das Wieder- und Mehrfachbenutzen von Dingen – und der Platz, der automatisch entsteht, wenn man weniger Sachen rumstehen hat.

Zudem ist es einfacher, Schränke, Schubladen und Ablageflächen sauber zu halten, wenn sie weniger voll sind.

By the way: auf meinem Instagram-Account kannst du meine Zero Waste-Erlebnisse und vieles mehr verfolgen 🙂

Mag sein, dass diese Art zu leben für manche asketisch oder sehr einschränkend erscheint. Für mich ist es vielmehr eine Sache von bewusstem Handeln, durchaus verbunden mit einer gewissen Sinnlichkeit. Alles, was ich kaufe, ist mir etwas wert. Sozusagen das Antiprogramm zum wahllosen Konsumieren. Und die Ablageflächen mit den schönen Glasbehältern sehen schlicht fantastisch aus.

Selber machen

Essen selber zubereiten und sich eine Lunchbox von zu Hause mitnehmen ist sicher Teil des Zero Waste-Lebensstils. Oder man streckt beim Take Away einfach seinen Behälter zum Auffüllen hin. Das ist eine gute Methode, nicht nur selber Abfall einzusparen, sondern auf das Thema aufmerksam zu machen. Zudem habe ich angefangen, selber Mandelmilch herzustellen.

Dazu nehme ich Bio-Mandeln, die ich offen kaufe. Die Mandeln weiche ich abends ein und mixe sie am nächsten Morgen mit Wasser, etwas Agavendicksaft (ebenfalls offen gekauft) und gebe eine Prise Zimt (das Zimtgewürz-Fläschchen von der Migros habe ich wieder mit offenem, gemahlenem Zimt aufgefüllt) dazu. Danach presse ich alles durch einen Nussbeutel, und fertig ist die frische und abfallfreie Mandelmilch.

Diese verwende ich für Heissgetränke oder für einen Porridge mit ebenfalls offen gekauften Haferflocken, den Trester zum Backen als Mandelmehl.

Erstes Erfolgserlebnis

Ich lasse mich nicht stressen, alles schon perfekt hinzukriegen. Jedoch macht es mir Freude, mich täglich herauszufordern, wie ich meine Einkäufe gestalten kann. Wobei: da ich jetzt mehr selber mache, muss ich gar nicht mehr so viel einkaufen. Was aber bringt das alles?

Schon einiges! In unserem 2-Personen-Haushalt haben wir es nun geschafft, dass unser letzter 35-Liter-Sack genau drei Wochen durchgehalten hat, währenddem wir vorher einen solchen Sack Abfall pro Woche produziert haben. Mal sehen, ob wir das beim nächstem Sack toppen!

Im Netz findet man viel Wissen zu diesem Lifestyle. Besonders inspiriert hat mich zudem das Buch „Glücklich leben ohne Müll“ von Bea Johnson, einer Pionierin der Szene. Sie reist mittlerweile mit dem Thema um die Welt (das ist allerdings weniger umweltfreundlich!) und spricht über ihren Zero Waste-Alltag. Infos: www.zerowastehome.com.

Die 5 R des Zero Waste

Die fünf Grundgedanken des Zero Waste Lebensstils – basierend auf Bea Johnson – sind wie folgt definiert:

1. Refuse: Das Ablehnen von unnötigen Quittungen, Werbegeschenken, Probepackungen, usw. Gar nicht immer so einfach, aber man kann es lernen: freundlich, mit einem Lächeln, abzulehnen.

2. Reduce: Den eigenen Verbrauch reduzieren, weniger konsumieren, weniger besitzen, die Wohnung gründlich ausmisten und nicht mehr Benötigtes verkaufen, verschenken oder ins Brockenhaus bringen. Altes loszulassen ist nebenbei eine gute Therapie für die Seele und macht frei.

3. Reuse: Dinge möglichst lange nutzen, Kaputtes flicken, statt neu zu kaufen, beim Neukauf auf langlebige Produkte setzen, möglichst viel Second Hand kaufen, auf Märkten oder in Brockenhäusern.

4. Recycling: das Recycling steht bei den 5R’s erst auf Platz 4, da es Teil des Abfalls ist (einfach reziklierbarer), der im besten Fall bereits vermieden werden sollte, da auch der Recyclingprozess selber grosse Ressourcen verbraucht.

5. Rot: Verrotten! Kompostieren der Lebensmittelreste macht Sinn, da die organischen Stoffe wieder der Erde zugefügt werden können. Zudem riecht der Abfallsack bedeutend weniger muffig ohne Essensreste, Obst- und Gemüseschalen.

Weitere Läden und Zero Waste bei Lush

Praktisch zeitgleich mit „Chez Mamie“ ist in Zürich ein weiterer Unverpackt-Laden aufgegangen; das „Foifi Zero Waste Ladencafé “ im Kreis 5. Mitinhaberin Tara Welschinger hat vor 1.5 Jahren begonnen, ihren Abfall und ihren Konsum zu reduzieren, und lebt nach eigens geschätzten Angaben zu ca. 85% Zero Waste.

Mit dem Laden bietet sie ein entschleunigtes und abfallfreies Einkauferlebnis für Lebensmittel in Bio-Qualität sowie Alltagsallerlei zu fairen Preisen an. Tara Welschinger war auch mit von der Partie beim kürzlichen Blogger-Workshop der Kosmetikkette Lush, an dem ich ebenfalls teilnahm. Sie hat dabei mit einem feinen Buffet und ihrem Know How aufgezeigt, wie sie ihr Leben mit wenig Abfall und viel Genuss meistert.

Auch Lush hat sich das Thema Zero Waste dieses Jahr auf die Fahne geschrieben. Ich kaufe dort beispielsweise die Haarseife „Trichomania“ (direkt im Tupperware), die mit Kokosnusscreme schön reichhaltig pflegt. 35% der Lush-Produkte werden „nackt“, also ohne Verpackung verkauft. Die Kunststoffverpackungen der Duschmittel, Gesichtsmasken und Bodylotions sind aus recyceltem Kunststoff hergestellt und können zum erneuten Recycling zu Lush zurückgebracht werden.

Zero Waste in der Schweiz

Pro Jahr produzieren wir in der Schweiz 730 Kilo Abfall pro Person, wobei je ca. die Hälfte dieser Menge in Kehrichtverbrennungsanlagen verbrannt oder recycelt wird. Wir rühmen uns damit, zu den Recycling-Weltmeistern zu gehören. Dies hat jedoch direkt damit zu tun, dass wir auch einer der Abfall und Konsumweltmeister sind.

Doch die Zero Waste-Bewegung hat in der Schweiz richtig Fahrt aufgenommen. Ein Laden nach dem anderen macht es uns leichter, mit einem Komplett- oder Teil-Unverpackt-Sortiment lustvoll ein Leben mit weniger Abfall und bewussterem Konsum anzusteuern.

Zero Waste Läden in der Schweiz (nicht abschliessend)

Läden mit Zero Waste Teilsortiment

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