Feminismus & Tierrechte

TEXT: ALLEGRA WOLFF

Teil 1

Gibt es eine Verbindung zwischen Feminismus und ethischem Veganismus? Passt es zu einer feministischen Haltung, Produkte zu konsumieren, die durch Ausbeutung und Unterdrückung entstanden sind? Kritische Gedanken zu einem heiklen Thema.

Tierrechte sind für mich eine feministische Angelegenheit. Das mag für die eine oder andere Person weithergeholt klingen – doch das sehe ich nicht so. Der Feminismus kämpft gegen die Objektifizierung der Frau und erkennt, dass der weibliche Körper oft als blosses Objekt porträtiert wird. Objektifiziert zu werden bedeutet, dass der eigene Körper und das eigene Leben ausschliesslich für den Profit einer anderen Person oder Personengruppe existieren. Sobald Körper also objektifiziert werden, sehen wir sie als Dinge, die uns in irgendeiner Weise dienen. Was das mit Tieren und Veganismus zu tun hat?

Auch Tiere werden auf ihren Körper reduziert. In unserer Gesellschaft sind sie selten mehr als Produkte, die konsumiert werden. Sie sind Versuchsobjekte, an denen experimentiert wird und dienen in Zoos und Zirkussen der menschlichen Unterhaltung. Besonders weibliche Tiere werden aufgrund ihres Geschlechts unterdrückt und ausgebeutet. Denn Milch, Eier und Fleisch können nur entstehen, wenn ein weibliches Tier reproduziert.

Die Tierindustrie institutionalisiert ein System der Ausbeutung und Unterdrückung. Mit Hilfe sogenannter „Rape Racks” (offizielle Bezeichnung!) wer- den weibliche Kühe und Schweine wiederholt künstlich befruchtet. Denn ohne weiteren Nachwuchs können Kühe beispielsweise nicht ständig Milch produzieren. Und auch die Fleischindustrie braucht pausenlos Nachschub. Mich interessiert: Worin unterscheidet sich diese „Objektifizierungskultur“ von derjenigen, gegen die FeministInnen kämpfen?

An dieser Stelle möchte ich ausdrücklich klarstellen, dass ich mit diesen Ausführungen (sexuelle) Gewalt gegenüber Frauen unter keinen Umständen verharmlosen möchte. Viel mehr geht es mir darum, aufzuzeigen, dass hier tatsächlich einige Parallelen existieren. Tiere können uns ihre Zustimmung oder Ablehnung nicht verbal und klar verständlich mitteilen – der sonst so wichtige Consent scheint hier aussen vor gelassen zu werden. Sollten FeministInnen daher nebst den Rechten der Frauen nicht auch für Tierrechte und Veganismus plädieren? Auch wenn das ganze Thema sehr komplex ist: Ja, meiner Meinung nach sollten sie das.


Teil 2

Wie hängt Fleischkonsum mit der klassischen Männerrolle zusammen? Sind Feminismus und Veganismus “Single Issue”-Thematiken, die getrennt voneinander bestehen können, oder sollte intersektionaler* Feminismus alle unterdrückten Gruppen einschliessen?

Wir schalten den Fernseher ein: Ein Werbespot will einen tierlichen Burger anpreisen. Eine junge und konventionell schöne Frau ist zu sehen. Sie lässt ihre Reize spielen, während sie den Fleischburger isst. Durch diese Zurschaustellung wird die Frau objektifiziert, um die männlichen Zuschauer anzusprechen. Das Fleischprodukt, das einst ein lebendiges Tier war, wird sexualisiert dargestellt. Auch der restliche Teil des Clips ist perfekt auf die vermeintlichen Bedürfnisse der männlichen Konsumenten abgestimmt. Doch wieso wird Fleisch überhaupt mit Maskulinität verbunden?

In vielen Köpfen herrscht noch immer der Gedanke, dass Männer Fleisch zum Leben brauchen und Frauen hingegen lieber Gemüse essen. Seit jeher soll uns Fleisch stark machen und Kraft schenken. Für die Jäger von damals war es tatsächlich eine gefährliche und anstrengende Angelegenheit, frisches Fleisch zu besorgen. Körperliche Stärke spielte eine grosse Rolle. Mag sein, dass der alte Jäger/Sammler-Trieb noch in uns Menschen schlummert, doch mittlerweile kaufen wir unsere Nahrungsmittel abgepackt im Supermarkt und müssen uns nicht mehr gegen wilde Tiere durchsetzen, um unser Überleben zu sichern. Ich finde es unglaublich, dass sich der Mythos um Fleisch als ultimative Quelle der (männlichen) Kraft noch immer hält.

Und wieso müssen Männer überhaupt immer stark und kraftvoll sein? Sobald Männer ein Verhalten aufzeigen, das als feminin gesehen wird, müssen sie sich oft rechtfertigen. Heisst das im Gegenzug, dass vegan lebende Männer “verweichlicht” sind? Sind Männer, die keine tierlichen Produkte konsumieren, überhaupt “richtige” Männer? In meinen Augen ist feministischer Veganismus eine Möglichkeit, die Aufhebung der Geschlechterrollen voranzutreiben. Die allseits verbreitete Hypermaskulinität setzt viele Männer unter Druck und kreiert eine falsche Vorstellung dessen, wie Männer auszusehen haben. Dabei sollten Männer einfach so aussehen und sich verhalten dürfen, wie sie möchten – ob mit oder ohne Muskeln, ob emotional oder nicht.

Meiner Meinung nach kann das eine nicht ohne das andere existieren – Feminismus und Veganismus gehen Hand in Hand. Gerade in den Medien wird jedoch häufig “Mainstream-Feminismus” propagiert, der den Fokus auf weisse Frauen der Mittelklasse lenkt und dieses Thema zu einseitig beleuchtet. Dabei denke ich, dass echter Feminismus intersektional* sein sollte. Echter Feminismus sollte körperpositiv und trans-inklusiv sein, gegen Rassismus kämpfen, pro-choice sein und für die Rechte aller unterdrückten Minderheiten kämpfen.

Vielleicht sehen wir dann in ferner Zukunft auch keine Werbung mehr im Fernsehen, in der Frauen und Tiere zu Objekten werden.

*intersektional: Überschneidung (engl. intersection = Schnittpunkt, Schnittmenge) von verschiedenen Diskriminierungsformen in einem Individuum.