Berlin – Torten & Tattoos

TEXT: SANDRA WEBER, BILDER: SANDRA WEBER, CAROLINA FLORES

Per Rad die Berliner Kieze erkunden, urban wohnen in der gemütlichen Airbnb-Wohnung und vegan schlemmen ohne Ende. So lässt es sich gut leben in der deutschen Hauptstadt. Und wenn man zudem ein veganes Tattoo mit nach Hause bringt, wird der Aufenthalt erst recht unvergesslich. Ein Reisebericht von einer viel zu kurzen Reise.

Nach 9 Stunden Zugreise kam ich in Berlin an. Ich freute mich auf die spannende Stadt mit dem fast überwältigend grossen veganen Angebot und natürlich auf meine Freundin und Tattookünstlerin Kim Rossini. Kim war schon zwei Tage vor mir angereist und hatte bereits ihre Arbeit als Gasttätowiererin in einem Berliner Studio aufgenommen. Für diesen Artikel wollte ich ihr bei ihrer Arbeit über die Schultern schauen und mit dem Besitzer des Tattoostudios ein paar Worte wechseln. Und: auch selber mein erstes Tattoo kriegen! Hoffentlich würde ich keinen Rückzieher machen, denn ich muss zugeben, ich hatte etwas Schiss. Wie fest würde es schmerzen? Ou weia, auf was hatte ich mich da eingelassen…

Wohnen wie zu Hause

Einmal mehr war bei der Unterkunft die Wahl auf Airbnb gefallen. Mit der Unterkunfts-Plattform hatte ich schon bei früheren Reisen gute Erfahrungen gemacht: eine Wohnung in einer anderen Stadt, das bringt’s einfach. Ein eigener Hausschlüssel, und schon wird man vom Touri zur Berlinerin. Und urbaner ging’s wirklich nimmer: der Balkon unserer Wohnung war auf Augenhöhe mit der U-Bahn, die an der Eberswalder Strasse als Hochbahn geführt war, und donnernd an uns vorbeifuhr. Ganz ruhig hausten wir nicht, das muss ich zugeben. Aber geräumig, mit drei hohen Zimmern und einer gut funktionierenden Dusche. Einer mit einem warmen, vollen Strahl. Letzteres mag ein Detail sein, aber nicht immer ein Selbstverständliches!

Mit dem Velo durchs Kiez

Eine meiner ersten Handlungen in Berlin: ich mietete mir ein lila Retrobike, so wie das Kim bereits getan hatte. Denn mit dem Velo eine Stadt zu entdecken finde ich einfach tausendmal besser, als mich in eine muffige U-Bahn reinzusetzen. Gegenüber Zürich sind die Radwege in Berlin klar besser ausgebaut, und so ist es ein ziemliches Vergnügen, die Stadt Kiez um Kiez mit dem Rad zu entdecken. Nebeneffekt: das In-die-Pedale-Treten verschafft wenigstens ein bisschen Kalorien-Ausgleich zu den obligatorischen Schlemmertouren im Veganparadies Berlin.

Ethischer Vegetarismus

Ebenfalls für Bewegung sorgten die fordenden Yogaübungen, die Asanas, im Jivamukti Yogastudio. Der Jivamukti-Yogastil mit dem Slogan „The Wild Child of Yoga“ hat sich aus dem bekannten Ashtanga-Yoga heraus entwickelt und nennt Gewaltlosigkeit (Ahimsa) als einen seiner Grundpfeiler. Gewaltlosigkeit gegenüber allen Lebewesen und der Umwelt. Diese Gewaltlosigkeit schliesst beim Jivamukti auch eine vegane Ernährung mit ein, wobei diese meist „ethischer Vegetarismus“ genannt wird. Für mich ist die Kombination von Yoga und einem veganen Lebensstil sehr stimmig. Zu den übrigen Grundpfeilern gehören beispielsweise die Musik und die Meditation. „Meditation is the new black“ steht denn auch auf dem T-Shirt der Yogalehrerin, bei der ich meine erste Jivamukti-Stunde absolviere. Zum Studio in Berlin Mitte gehört zudem ein veganes Bistro – wie toll ist das denn?

So begann ich meine Tage meist mit einer Yogalektion – nach Möglichkeit zusammen mit Kim – und frühstückte danach gleich vor Ort. Bananenbrot, Milchreis, Smoothies – gesund zubereitete Snacks, alles in Bioqualität. Ein Yogastudio mit veganem Café möchte ich auch in der Schweiz – eine Marktlücke?

Berlin geht unter die Haut

Herr Fuchs & Frau Bär. So heisst das Tattoo-Studio auf dem Prenzlauerberg, das ausschliesslich mit veganen Materialien arbeitet – von den Farben bis zum Desinfektionsmittel ist alles frei von tierlichen Stoffen, nichts wurde an Tieren getestet. Konventionell kommt bei Tättowierfarben teilweise Gelatine als Antiabsetzmittel der Farbpigmente zum Einsatz, zudem können bei der schwarzen Farbe, die aus Russ hergestellt wird, Knochen von Tieren die Ausgangslage sein. Studioinhaber Nico Kreuzig lebt selber vegan und scheint mit seinem Konzept sehr erfolgreich: das Studio läuft bestens, denn nebst Veganerinnen und Veganern besteht die Kundschaft auch aus allen anderen Leuten, die bestens auf Tierpartikel unter ihrer Haut verzichten können.

Betritt man das Tattoostudio, wähnt man sich erst in einem altmodischen Wohnzimmer mit einem roten Samtsofa, einem ebensolchen Sessel, einer Stehlampe, schweren Schlaufenvorhängen und einer Holzkommode. Einzig die Geräuschkulisse verrät die eigentliche Bestimmung des Ortes: das sanfte, aber stete Surren der Tättowiernadel.

In diesem Studio arbeitete also Kim während ihres einwöchigen Aufenthaltes. Muss irgendwie schon ziemlich cool sein, ein paar BerlinerInnen – und natürlich nicht nur diesen – eine lebenslange Erinnerung mitzugeben. Für mich war es auf jeden Fall ein Höhepunkt meines Aufenthaltes, mich von Kim in Berlin, in einem veganen Tattoostudio, tättowieren zu lassen. Und ich habe keinen Rückzieher gemacht, denn ich hatte – und habe – grosses Vertrauen zu meiner Freundin. So liess ich mir von ihr also ein wunderschönes Blumenmotiv mit Mehndi-Elementen auf den Unterarm stechen. Der Schmerz war im Gesamten geringer als erwartet, aber als die Prozedur nach zweieinhalb Stunden vorbei war, war ich doch froh. Meine erste Tat danach: in der „Chaostheorie” ein Stück Schokokuchen verdrücken und einen Chai schlürfen. Das hatte ich mir verdient, fand ich .

Essen ohne Tier

Die „Chaostheorie” ist eine vegane Cocktailbar mit dem frechen Motto „fettundbetrunken“: Entgegen dem aktuellen Rohkosttrend werden hier gehaltvolle Drinks, Torten und Döner serviert. Türkis- und pinkfarbene Sonnenschirme zeigen schon von aussen, dass es hier locker und fröhlich zu und her geht. Und an einer gehörigen Portion Kitsch fehlt es auch nicht, besonders die Toilette finde ich an dieser Stelle erwähnenswert: eine Art Discokugel taucht den Raum in ein schimmerndes Licht, der Klodeckel zeigt sich passend dazu im Glitzerlook, und der Wasserhahn ist ein Einhornkopf, an dessen Horn man das Wasser an- und abstellt.

Mein absoluter Berliner Lieblingsbrunch findet immer von Freitag bis Sonntag im Café Morgenrot auf dem Prenzlauerberg statt. Zwar sind hier noch Butter und etwas Käse auf dem Buffet, aber sonst ist alles vegan und die Auswahl riesig – von diesem Brunch träume ich noch das ganze Jahr. Wer Crêpes und Burger liebt, ist im „Let it be“ in Neukölln an bester Adresse, und nur ein paar Türen weiter hat das „Sfizy Veg” über 200 verschiedene vegane Pizzen auf der Karte. FreundInnen der deftigen Küche werden im Kreuzberger „Viasko“ happy (auch dort gibt’s übrigens einen tollen Brunch) und wer sich den Bauch mit Donuts oder Eis vollschlagen möchte, bitte sehr, da wären „Brammibal’s Donuts” oder die „Kontor Eismanufaktur” zu empfehlen. Mein Favorit für ein gesundes, nahrhaftes Abendessen ist das kleine vietnamesische Restaurant „Cat Tuong“ an der Kastanienallee mit der überaus freundlichen Bedienung. Die Liste könnte nun noch endlos weitergeführt werden…

Einmal mehr war Berlin also ein Genuss auf allen Ebenen und ich freue mich schon auf den nächsten Besuch in der norddeutschen Stadt.

Links

Gastronomie (ein Mini-Auszug)

Chaostheorie, www.chaostheorie.berlin
Café Morgenrot, Kollektiv, www.morgenrot.blogsport.eu
Viasko, www.viasko.de
Let it be, www.letitbevegan.de
Svizi Veg, www.sfizyveg.de
Brammibal’s Donuts: www.brammibalsdonuts.com
Kontor Eismanufaktor (Facebookseite aufrufen)
The Bowl, Rohkostrestaurant, www.thebowl-berlin.com

Geschäfte

Veganz, veganer Supermarkt: www.veganz.de
Laden-Kollektiv Dr. Pogo, www.veganladen-kollektiv.net

Yogastudio mit veganem Bistro

Jivamukti, www.jivamuktiberlin.de

Weiteres

Berlin-Vegan Guide: www.berlin-vegan.de
App „Happy Cow“ (weltweit)
App „Vanilla Bean“ (deutschsprachiger Raum)